herr, manchmal habe ich angst vor dir
jetzt komme ich ganz gut zurecht
so wie ich mir mein leben eingerichtet habe …
ich habe angst dass dir der herrgottswinkel nicht genügt
dass du die ganze existenz beanspruchst

Karl Josef Kassing, in: Versuch über Wellen zu gehen, Fohrmann Verlag, Köln 2020

Liebe Besucher unserer Homepage, liebe Mitchristen!

Der Herrgott verlässt seinen Herrgottswinkel und erhebt Ansprüche, er meint es ernst mit mir. Worte, die mich nachdenken lassen. Eigentlich will ich ja Gott nicht fürchten, ich glaube, dass er es gut mit mir meint. Wenn ich hinhöre auf seine Worte, dann kann ich nicht ganz falsch liegen. – So habe ich es mir eingerichtet in meinem Leben, auch mit meinem Gott.

Wenn ich auf Jesus höre, dann merke ich: Der ist ein Radikaler: Radikales Gottvertrauen verkündet er, radikale Nächstenliebe fordert er, er will die Menschen verändern: Aus Egoisten will er Altruisten machen: Aus Personen, die um sich selber kreisen und ihr eigenes Wohl und ihr eigenes öffentliches Bild in den Vordergrund stellen will er mitfühlende Frauen und Männer machen: Die den anderen in den Blick nehmen und den Vortritt lassen und für ihn/sie da sein wollen.

Der Herrgott verlässt seinen Winkel und stellt sich in die Mitte der Welt. Und er will eine neue Welt. Eine Welt, die wirklich eine „schöne, neue Welt“ ist. Jesus spricht da vom Reich Gottes. Und wir sprechen seine Worte nach: „… dein Reich komme, dein Wille geschehe“.

Wenn ich das bete und so meine, wie ich es ausspreche, dann verändert das etwas in mir. Dann leitet das einen Wechsel meiner Blickrichtung ein. Dann fange ich an, die Welt mit anderen Augen zu sehen: Nicht: Was kann sie mir bieten, was können andere für mich tun? – Sondern: Was ist meine Aufgabe in der Welt, was muss ich leisten und wirken, welchen Platz muss ich einnehmen im Miteinander der Menschen?

Gott hat seinen Platz nicht in einem Winkel meines Lebens, im stillen Gebet während des Tages, in einer Stunde am Sonntag. Er ist da in allen anderen Stunden und im lauten Getriebe. Da bei mir: Und er ist nervig, er beansprucht immer von mir, das Richtige zu tun. Er beansprucht die ganze Existenz. – Das ist gut so, davor brauche ich keine Angst zu haben, es macht mich zu einem aufrechten Menschen, der ich ja sein will.

Das ist nicht einfach, nicht bequem. Dass Ihnen das immer mehr gelingt, das wünsche ich Ihnen von Herzen.

Ihr
Dieter Zinecker, Pfarrer

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